Friday, January 01, 2010

Year 2009 Roundup

Mit dem Schlachtruf "Fünf ist Trümpf" verkündete Rolf, die abgehackte und zum Leben erweckte Hand der Bundespost, 1993 die Einführung der neuen Postleitzahlen... Zum Jahreswechsel 2009/2010 verkünde ich unter dem gleichen Motto die fünfte Ausgabe des Midimechanics Jahresrückblicks.

Während ich 2008 zumindest noch knapp die erste Jahreshälfte letzten Münsteraner Vollsortiment-Plattenladen arbeitete, bevor es mich aus beruflichen Gründen in die Hauptstadt verschlug, stellte 2009 das erste Jahr ohne direkten beruflichen Bezug zur Musik da. Auch wenn ich mich also quasi in Privatleben zurückgezogen habe, möchte ich meine Meinung nicht für mich behalten, machen sie sich also bereit für die musikalischen Trümpfe des Jahres (zum ersten Mal übrigens mit Katalognummern.)

Track des Jahres:
Moderat - "Rusty Nails" (BPC 194)

Ist es Pop, ist es Dubstep, ist es IDM? Der Track des Jahres entzog sich einer klaren Kategorisierung. Die Erwartung der lang angekündigten Kollaboration zwischen Modeselektor und Apparat hatte sich Anfang 2009 zu einem unglaublichen Hype gesteigert. Entsprechend hoch war die Fallhöhe (und damit auch die Enttäuschung) als das im Mai endlich veröffentlichte Album leider nicht überzeugen konnte. Wenn dies allerdings der Preis war, um die brilliante Single "Rusty Nails" in der Hand zu halten, so be it. Für mich nicht nur der beste Track 2009, sondern gleich der bisherige Höhepunkt des neuen Jahrtausends. Ähnlich überragend: "Moth", die Zusammenarbeit zwischen Electronica-Veteran Four Tet und Ambient-Dubstep Pionier Burial (flankiert mit der ebenso starken B-Seite "Wolf Cub" und in unfassbar streng limitierter Vinyl-Erstauflage).

Auch im weiten Feld gerade Beats tat sich gleich eine ganze Reihe von Altmeistern hervor. Chef-Gigolo Hell verwandelte mit Hilfe von Christian Prommer und Peter Kruder einen seit den 80ern im Studio von Dave Steward herumliegenden Track von Brian Ferry in den zentralen Fixpunkt seines Comebackalbums (und ein zeitgemäßes Update des "Love is the Drug"-Themas). Der Stuttgarter Danilo Plessow aka. Motor City Drum Ensemble erreichte mit Teil sechs des hervorragenden "Raw Cuts" Sample-Zyklus einen kreativen Höhepunkt seiner samplebasierten House-Interpretation.

Runners up:
Burial + Four Tet - "Moth" (TEXT-006)
Hell Feat. Bryan Ferry - "U Can Dance" (GIGOLO260T1)
Motor City Drum Ensemble - "Raw Cuts #6" (MCDE 1205)


Remix des Jahres:
Fever Ray - "Seven (Martyn's Seventh Mix)" (RABID043T)

Ein guter Remix nimmt einen Track und schafft etwas neues, eigenständig Überzeugendes. Martijn Deykers aka. Martyn hat dies mit der zweiten Solosingle von Karin Dreijer Andersson in beispielhafter Weise geschafft, auch wenn ich die Stimme der Dame von The Knife normalerweise extrem nervig finde (ungefähr auf einem Niveau mit Oberelfe Björk). Ebenfalls gelungen, Skreams passgenau auf den rotbeschopften Leib von La Roux geschneiderter Remix von "Going in for the Kill".

Das amerikanisch-brasilianische Duo N.A.S.A. war in Hipsterkreisen so etwas wie der Underground-Geheimtipp des Jahres, mit dem Album der beiden konnte ich allerdings wenig anfangen (auch oder obwohl sie eine beeindruckende All-Star Liste von Gästen auffuhren). Hat ein Album auf jedem Track mindestens drei Features, schalte ich ab. Ihre Version von „Zero“ von den Yeah Yeah Yeahs verwandelt das ohnehin schon extrem eingängige Original in eine Peaktime-Clubversion (allerdings von der Soundästhetik schon hart an der Grenze zum Trance). Das Quartett wird komplettiert von SBTRKTs Neuinterpretation von "Inner City Life". Der Maskenmann strickte aus Goldie und Rob Playfords 90er-Jahre Metalheadz-Klassiker einen frischen Hybrid aus UK-Garage, Dubstep und House.

Runners up:
La Roux - "In For The Kill (Skream's Lets Get Ravey Remix)" (Polydor 2700304)
Yeah Yeah Yeahs - "Zero (N.A.S.A. Bloody Lobo Remix)" (Interscope B001305711)
Goldie - "Inner City life (SBTRKT Timeless Edit)" (Whitlelabel)


Album des Jahres:
Phoenix - "Wolfgang Amadeus Phoenix" (VVR702468)

Wärend man für den bereits vorgestellten Track des Jahres erstmal das richtige Fach im Plattenregal sucht, ist bei Phoenix' fünfter LP die Ansage klar: Dies will nichts anderes sein als lupenreiner Pop! Allerdings dank der Rückkehr von Philippe Zdar von Le Funk Mob auf den Produzentensessel auf allerhöchstem Niveau. Melodiös, cool, perfekt und mein Album des Jahres.

Während das zeitgemäße Ambient-Update "The Bending Of Light" von Anduin und Jasper TX ohne retro-Anleihen auskommt, widmete sich Portishead Mastermind Geoff Barrow mit dem Nebenprojekt Beak> seiner neu entdeckten Krautrock-Obsession. Auch der abstrakte Instrumetal-Hiphop der 90er wird langsam wiederentdeckt und könnte mit Akira Inagawa alias Lambent und seinem auf dem HHV.de-Sublabel Project: Mooncircle endlich in größerer Auflage veröffentlichtem Album "Deep Night At Ishigaki" eine Renaissance erleben (Geheimtipp!).

Runners up:
Anduin + Jasper TX - "The Bending Of Light" (SMTG 5-015)
Lambent - "Smoothness Extract (Deep Night At Ishigaki)" (PMC046)
Beak> - "Beak>" (INV100LP)


Re-Release/Compilation des Jahres::
Kraftwerk - "Der Katalog (8CD Boxset)" (KLANGBOX 002)

Die Flut an qualitativ hochwertigen re-Releases ebbte 2009 nicht ab. Nachdem so ziemlich jede High-Profile Veröffentlichung aus den Jahren 1960-80 unter die Leute gebracht wurde, nehmen heuer vor allem die kleinen Labels ihren 90er Backkatalog genauer unter die Lupe. Allen voran das englische Elektronikflaggschiff Warp Records mit einer aufwendigen, zwanzig Jahre umspannenden Retrospektive aus je fünf 10"-Vinyls und CDs (davon eine gemixt). Dubstep-Powerhouse Hyperdub kann das fünfjährige Bestehen immerhin mit einer Doppel-CD feiern. In festlicher Aufmachung kommen auch die beiden wichtigsten Alben der Beastie Boys daher, jeweils ergänzt um eine Bonus-CD mit B-Seiten und Raritäten.

In den Schatten gestellt wurden diese Releases allerdings von der CD-Wiederveröffentlichung des gesamten Kraftwerk Backkataloges in der klassischen Besetzung Hütter/Schneider/Bartos/Flür. Waren die CDs bisher lediglich als grauenhaft gemasterte Versionen aus den 80ern erhältlich, so liegen diese Meilensteine deutschen Pop-Schaffens nun endlich in perfekter, den bisher erhältlichen Vinyl-Versionen sogar überlegener Klangqualität vor.

Runners up:
Beastie Boys - "Check Your Head (Remastered Edition)" & "Ill Communication (Remastered Edition)" (Capitol/Grand Royal 5099969422522 & 5099969423222)
Various - "Warp20 (Box Set)" (WARP20o)
Various - "5 Years Of Hyperdub" (HDBCD005)


Arschbombe des Jahres:
Westernhagen - "Williamsburg" (KUNST 005)

Ganz-ganz-ganz-ganz schlimm und einfach nur zum kotzen: Mit Westernhagens "Comeback"-Auftritt beim Samstagsabendshow Flaggschiff "Schlag den Raab" erreichte der ganz in Armani gewandete Deutschrock-Dinosaurier einen neuen Tiefpunkt mit unsäglichem Geknödel und erbärmlichem Gepose. Die College-Rocker von Weezer, entwickeln sich langsam zu einem, sich wie in einer Zeitschleife immerwährend reproduzieren, Oldie Act hart an der Grenze zum Ärgernis (analog zu den Beach Boys der späten 70er/frühen 80er). Von Weiterentwicklung ist auch auf dem neusten Machwerk "Raditude" keine Spur (zynischerweise kündigte die Band zur gleichen Zeit eine remasterte Version ihres hervorragenden zweiten Albums "Pinkerton" an).

Dubstep-Genie Sam Shackleton machte den Photek (siehe Rückblick 2007) und konnte völlig unerwartet Bestnoten auf der nach unten offenen Arschbombenskala für sich verbuchen. Frisch nach Berlin übergesiedelt, re-interpretierte er seinen Techno-orientierten Dubstep-Sound für die hippe Hauptstadtklientel in minimalen frickel-bleep-blop Kategorien (einziger Lichtblick: der vorletzte Track "Trembling Leaf"). Hipness wird bekannterweise auch im Hamburger Schanzenviertel besonders großgeschrieben und der Label-Ableger des Smallville Recordshop produziert den grauenhaft belanglosen House-Soundtrack dazu (erinnert übrigens frappierend an die schlimmsten Machwerke aus dem Hause Kompakt.)

Runners up:
Weezer - "Raditude" (Interscope B0013510-01)
Shackleton - "Three EPs" (PERL 76)
Smallville Records

Kommentare und Ergänzungen sind natürlich immer gerne gesehen (und sogar ausdrücklich erwünscht), im Kommentarbereich ist schließlich genug Platz...

Die älteren Jahresrückblicke finden sich übrigens hier: 2008, 2007, 2006, 2005 pt.I, 2005 pt.II

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